Dr. med. Gabriele Zindler

 

Achtsamkeit

Achtsamkeit ist eines der zentralen  Bestandteile traditioneller Weisheitslehren, die tief im Christentum, Judentum, Sufismus und in den fernöstlichen Philosophien (Hinduismus, Jainismus, Taoismus, Buddhismus), aber auch in den "Naturreligionen" verankert sind. Der Buddha hat Achtsamkeitsmeditation ganz in den Mittelpunkt seiner Lehre (Dharma) gestellt. Auch viele Dichter erzählen uns davon. Achtsamkeit ist eine universelle menschliche Fähigkeit.


"Ich sitze am Straßenrand.                                                                                        Der Fahrer wechselt das Rad.                                                                                   Ich bin nicht gerne, wo ich herkomme.                                                                      Ich bin nicht gerne, wo ich hinfahre.                                                                    Warum sehe ich den Radwechsel mit Ungeduld?" 

(Berthold Brecht, Buckower Elegien)


In den vergangenen 60 er Jahren entwickelte sich in den westlichen Ländern ein zunehmendes Interesse an verschiedenen Formen des Buddhismus: Zen, tibetischer Buddhismus und seit den 70 ern Theravada-Buddhismus (Vipassana- oder Einsichtsmeditation). Letzterer ist die am direktesten mit der ursprünglichen Lehre des historischen Buddha verbundene und egalitärste Form. Rituale, Zeremonien und Hierarchien spielen kaum eine Rolle, es gibt eine Alltäglichkeit und eine dem Westen entsprechende demokratische und individualistische Atmosphäre. Schüler und Lehrer tragen normale Kleidung und sind per du. Sie sind spirituelle Freunde, der Lehrer ist keine Autoritätsperson, die Sprache ist eher psychologisch als spezifisch buddhistisch. Drei Namen sind untrennbar mit der Einführung von Vipassana im Westen (insbesondere in den USA) verbunden: Jack Kornfield, Joseph Goldstein, Sharon Salzberg. 


Jon Kabat-Zinn, emeritierter Professor für Medizin, gebührt das Verdienst, Mindfullness (Achtsamkeit) in ein säkuläres (ohne religiöse Beigabe) 8-Wochen-Programm zur Stressreduktion im klinischen Kontext geschnürt zu haben. Er entwickelte MBSR (Mindfullness Based Stress Reduktion) und wendete das Programm erstmals 1979 bei seinen Patienten der Stress Reduction Clinic der Universität Worchester, Massachusetts, an, damit diese lernen, besser mit Schmerz und Stress umzugehen. Inzwischen haben weltweit viele 100000 Menschen dieses Programm durchlaufen, viele Achtsamkeitslehrer sind ausgebildet worden und Adaptationen des Basisprogramms für besondere Zielgruppen sind entwickelt worden. Am bekanntesten ist MBCT (Mindfullness Based Cognitive Therapie), ein Rückfallprogramm für Menschen mit Depressionen. Dieses ist das am besten untersuchte Programm, seit April 2016 ist es auch in Deutschland in die Leitlinien zur Depressionsbehandlung aufgenommen worden. Und es gibt ein wachsendes Interesse an Achtsamkeit in der Schul- und universitären Bildung, der Justiz, in der Wirtschaft und bei Menschen in Führungspositionen. Gleichzeitig erlebte die Achtsamkeitsforschung insbesondere seit der 2. Hälfte der 90 er Jahre einen exponentiellen Anstieg, zunächst im Bereich der erfahrungsbasierten (z. B. Gestalttherapie) und behavioralen (für Borderline-Patienten) Psychotherapie und der Medizin im Allgemeinen, später kamen die kognitive Therapie, die klinische und Gesundheitspsychologie und die Neurowissenschaften hinzu.


Warum dieses Interesse? Der postmoderne Theologe Don Cupitt (1999) meint, dass es sich um eine Reaktion der Menschen auf den Wandel der Religion und Spiritualität seit der Mitte des 19.Jahrhunderts handele. Das wichtigste spirituelle Objekt sei das Wort Leben geworden. Früher ging es bei Beerdigungen um den Platz des Verstorbenen im Jenseits, heute gehe es um die Würdigung des Lebens des Verstorbenen. Er ist der Meinung, das gewöhnliche Leben sei geheiligt worden.


Wie geht das mit der Achtsamkeit?

Indem wir die momentane Erfahrung von Sinneseindrücken, Gefühlen und Gedanken in unserem Gewahrsein halten, wird die Entwicklung von Achtsamkeit kultiviert. Aufkommende Bewusstseinsinhalte werden dabei weder bewertet noch verändert, sondern lediglich mit einer freundlichen Grundhaltung  so angenommen wie sie sind. Durch die systematische Übung von Achtsamkeit werden wir immer mehr unserer gewohnheitsmäßigen Reaktionsmuster und der zugrunde liegenden Motive bewusst und können uns immer besser für heilsamere Verhaltensweisen im Umgang mit uns selbst und anderen entscheiden anstatt automatisch in „alte Fahrwasser“ zu gelangen. Insgesamt entwickelt sich eine gelassenere, geduldigere und akzeptierende Grundhaltung gegenüber allen Erfahrungen, auch wenn diese unangenehm sind.

Achtsamkeit entwickelt sich durch verschiedene Meditationspraktiken. Hierzu gehören die Körperwahrnehmung (Atem, „Body-Scan“, achtsames Yoga) und die traditionelle Sitz- und Gehmeditation. Außerdem wird Achtsamkeit im Alltag erprobt (z. B. achtsames Essen). Bei allen Übungen spielt die Betrachtung der Atmung, als Möglichkeit sich im gegenwärtigen Moment zu verorten, eine zentrale Rolle.


Inzwischen gibt es unzählige MBIs (Mindfulness Based Interventionen) für spezielle Zielgruppen, zu den wichtigsten zählen MBSR, MBCT, ACT (Acczeptance and Commitment Therapie, eine breit einsetzbare akzeptanz- und werteorientierte psychotherapeutische Methode) und DBT (Dialektisch-Behaviorale Therapie, eine psychotherapeutische Methode innerhalb der Verhaltenstherapie). Das MBSR-Basisprogramm ist nicht ausschließlich für Menschen gedacht, die an einer Krankheit leiden, sondern für alle, die ihre Fähigkeit schulen wollen, besser mit Stress umzugehen.


Der Buddha (der kein Buddhist war, sondern einfach nur ein Mensch, der meditierte) wurde einmal gefragt, was seine Lehre im Kern beinhalte. Es sei die Lehre vom menschlichen Leid und wie man es lindern könne, das sei schon alles, soll er geantwortet haben. Kein Wunder also, warum sich gerade Ärzte und Psychotherapeuten in seiner Umgebung wohl fühlen, beinhaltet der Eid des Hippokrates doch ähnliches.